Die "Ruinen der Außerirdischen" am Berg Baigong

Hartwig Hausdorf

 

Im Sommer 2002 ging eine Meldung durch die Medien, die uns alle aufhorchen ließ. Selbst große Nachrichtenmagazine wie der "SPIEGEL" berichteten über einen Fund, den man im Qaidam-Becken in der westchinesischen Provinz Qinghai gemacht hatte. Nach neuesten Informationen etwa 80 km südwestlich der Kreisstadt Delingha entdeckte man ein pyramidenähnliches Bauwerk oder Berg von 60 Metern Höhe. In diese Struktur scheinen - von oben bis unten, aber auch waagerecht - Metallröhren unbekannten Alters "hineingesteckt" würde zu sein. Die Wissenschaftler stehen vor einem Rätsel, manche Archäologen in der VR China sprechen unverblümt von einer "außerirdischen Herkunft" dieser Artefakte. Zudem wurden angebliche lokale Sagen kolportiert, denen zufolge dort einst eine Startrampe außerirdischer Besucher existiert hätte.

Das klingt natürlich sehr spannend - aber gibt es gesicherte Fakten, die eine solche Annahme rechtfertigen könnten?

Unweit dieser mittlerweile offiziell als "Ruinen der außerirdischen Menschen" betitelten Relikte befinden sich zwei Seen: der Tusu- oder Toson-See und der Koluke. Während letzterer Süßwasser führt, handelt es sich beim Toson um einen Salzwasser-See. Der Süßwasser-See ist hier die Besonderheit, denn im QaidamBecken existieren mehrere Dutzend Salzwasser-Seen, Relikte eines gegen Ende der Kreisezeit (vor etwa 60 Millionen Jahren) ausgetrockneten Meeres.

In den Salzwasser-Seen ist ein Element in gelöster Form vorhanden, das technisch hochinteressante Rückschlüsse zulässt, doch darüber später mehr.

Nun zu den Röhren am Baigong selbst. Am Fuße dieser 60 Meter hohen Erhebung - ob künstlichen oder natürlichen Ursprungs, wird kontrovers diskutiert - befinden sich drei Höhlen mit jeweils dreieckigem Zugang. Die beiden kleineren Höhlen links und rechts sind eingestürzt, doch die größte Höhle in der Mitte kann betreten werden. Ihr Zugang befindet sich zwei Meter über der Sohle des Baigong, der Scheitel der Höhlendecke in acht Metern Höhe. Ihre lichte Höhe beträgt somit etwa sechs Meter, wie auch ihre Tiefe.

In dieser Höhle, deren Wände aus Fels und Sand bestehen, befinden sich mysteriöse Röhren unbekannten Alters. Eine Halbröhre von etwa 40 Zentimetern verläuft direkt von oben nach unten; es hat den Anschein, als sei sie von oben durch den gesamten Berg gesteckt worden.

Ein weiteres Rohr mit demselben Durchmesser steckt im Boden, nur dessen Ende ist an der Oberfläche sichtbar. Ein weiteres gutes Dutzend Röhren von unterschiedlichem Durchmesser - 10 bis 40 cm - befindet sich oberhalb des Höhleneingangs. Sie laufen direkt in das felsige Massiv hinein.

Nur 80 Meter südwestlich des Baigong liegt einer der beiden erwähnten Seen, der salzwasserhaltige Toson-See. Auch an dessen Ufer wurden mehrere Röhren gefunden, die zum Teil zerbrochen auf dem Untergrund herumliegen. Einige dieser viel dünneren Röhren verlaufen in exakter Ausrichtung von Ost nach West, und im Gegensatz zu jenen im Baigong weisen sie nur einen Durchmesser zwischen zwei und 4,5 Zentimetern auf. Noch kleinere Röhren sollen nur wenige Millimeter Durchmesser besitzen, jedoch innen nicht verstopft sein.

Hätte man diese Relikte im Umkreis größerer Städte mit Industrieanlagen gefunden, würde sicher als Erklärungsversuch das Argument kommen, es handle sich hier nur um Industrieschrott. Doch die Artefakte finden sich in einer sehr unwirtlichen Umgebung: die nächste Ansiedlung ist Delingha - 80 Kilometer entfernt -, einzig ein paar nomadisierende Hirten weiden ihre Schafe an wenigen Grasflecken. Die Region ist öde und karg!

Für den Vertreter der Provinzregierung von Qinghai, Herrn Qin Jianwen, ist die Sache klar. Außerirdische, so Qin, hätten sich die einsame Region für Starts und

Landungen ausgesucht. In einem Interview mit der amtlichen Nachrichtenagentur "XINHUA" vom 16. Juni 2002 sagte er:

"Es wird angenommen, daß der Ort eine Abschußbasis von Außerirdischen war. Diese Theorie basiert unter anderem auf der Tatsache, daß der Ort mit 2200 Metern über dem Meeresspiegel sehr hoch liegt, und die Luft ist sehr dünn, was sich gut für astronomische Forschungen eignet."

Er vertritt damit in etwa dieselbe Meinung wie der Astronom Yang Ji, der am 70 Kilometer entfernten Observatorium der Akademie der Wissenschaften arbeitet. Yang Ji wurde mit folgender Aussage zitiert:

"Die Hypothese um die außerirdischen Relikte ist durchaus nachvollziehbar und wert, näher betrachtet zu werden. Denn Wissenschaft bedeutet, daß bewiesen werden muß, was wahr und was falsch ist."

Der Geologe Prof. Zheng Jiandong, der sich mit Kollegen vor Ort umsah, schätzt das Alter der Röhren auf bis zu sechs Millionen Jahre. Zheng vermutet aber eher natürliche Entstehungsursachen, wie etwa pflanzliche Versteinerungen oder das Aufsteigen magmatischer, also flüssiger Gesteine.

(Anmerkung: fossile Pflanzenreste hinterlassen konkrete Formen und keine Hohlräume, wie zahlreiche Beispiele fossiler Bäume beweisen. Auch der Ansatz mit den magmatischen Gesteinen ist unrichtig, da diese viel härter sind als die Sedimente, also geschichteten Gesteine im Qaidam-Becken. Auch hier wäre es genau umgekehrt: um die herausgedrückten Magma-Kegel wäre das Sedimentgestein abgewittert, was zu bizarren Kegelformationen geführt hätte.) Prof. Zheng Jiandong gibt selber unumwunden zu, daß viele Aspekte der Röhren ungelöst sind. Gegen eine natürliche Entstehung würden zudem die exakte OstWest-Ausrichtung vieler Röhren sprechen.

Gleichfalls gegen eine natürliche Herkunft sprechen die zwischenzeitlich vorgenommenen chemischen und metallurgischen Analysen. Demnach bestehen die Röhren zu 30 Prozent aus Eisenoxyd mit einem hohen Anteil an Siliziumdioxyd (Si02 ist Kieselsäure, welche den Hauptbestandteil des Quarzes als Grundstoff für Glas bildet) und Calziumoxyd (Ca0, bei uns auch als gebrannter Kalk zu Bauzwecken verwendet). Und ganze acht Prozent der untersuchten Probe erwies sich als überhaupt nicht identifizierbar. Die Experten stehen hier vor einem kompletten Rätsel!

Der Ingenieur Liu Shaolin von den "Xitieshan Schmelzwerken", der die Analysen durchgeführt hat, schließt aus den Resultaten:

"Der große Gehalt an Siliziumdioxyd und Calziumoxyd weist darauf hin, daß diese Röhren schon sehr lange an ihrem Fundort gelegen sein müssen."

Trotzdem bewegen sich seine Schätzungen, was das Alter der Artefakte betrifft, in einem weit bescheidenerem Rahmen als jene von amerikanischen Forschern, welche die Röhren auf bis zu 300.000 Jahre vor unserer Zeit datieren. Liu Shaolin hält 5000 Jahre für realistischer - aber eingedenk einer kaum 2500 Jahre zählenden Geschichte der Metallverarbeitung auf diesem Planeten steht auch diese Datierung in krassem Widerspruch zu unserem gängigen Geschichtswissen.

Im Zuge meiner Recherchen bin ich auf einen ganz besonderen Bodenschatz in dieser Region gestoßen. Ich habe bereits erwähnt, daß im Qaidam-Becken als Überreste eines Meeres der Kreidezeit Dutzende von Salzwasser-Seen existieren. In vielen dieser Salzwasser-Seen - so auch im Toson-See am Baigong - wurde das Element Lithium in gelöster Form gefunden.

Lithium ist ein chemisches Element aus der Gruppe der Alkali-Metalle. Dieses sehr weiche, silberweiße Leichtmetall kommt in geringen Spuren in diversen Ergußgesteinen vor - gelöst jedoch auch in mineralreichen Gewässern. Die Gewinnung ist technisch recht aufwendig. Aber noch weitaus interessanter sind die Verwendungsmöglichkeiten für das Metall.

Jeder Besitzer eines Mobiltelefons kennt die leistungsstarken Lithium-Akkus. Lithium findet aber auch in der Kerntechnik Verwendung, und zwar zur Herstellung von Tritium, sowie als Abschirm- und Reaktor-Kühlmittel.

Auch die Lithium-Verbindungen sind gefragt. Lithium-Hydrid (UH) gibt den gebundenen Wasserstoff leicht ab und wirkt als starkes Reduktionsmittel. Es wird heute als Raketentreibstoff (!) verwendet. Eine weitere Verbindung, das LithiumPerchlorat (chem. Formel: Li Cl 04) dient gleichfalls in Raketentreibstoffen als Sauerstoffüberträger.

Die Frage stellt sich beinahe von selbst: Liegt in dem Vorkommen des Alkalimetalles Lithium, das heute unter anderem in der Nuklear- wie in der Raketentechnik Verwendung findet, der Schlüssel zum Verständnis der mysteriösen Relikte am Berg Baigong? Lithiumverbindungen als Bestandteile von Raketentreibstoffen. Der Baigong mit seinen geheimnisumwitterten Röhren, die zum Toson-See führen, in dem das Leichtmetall in gelöster Form vorkommt.

War das Relikt tatsächlich eine Raketenstartrampe, wie lokale Sagen kolportieren? Oder handelte es sich um eine industrielle Anlage zur Gewinnung des Elementes, errichtet vor unbekannten Zeiten von unbekannten Wesen?

Antworten auf diese Fragen zu finden, ist seit September 2004 nicht unbedingt einfacher geworden. Denn da wurde der Zugang zum Baigong gesperrt, und das Militär hat die Kontrolle übernommen. Sind die bei Delingha stationierten taktischen Atomwaffen der Volksbefreiungsarmee der Grund für diese weiträumige Sperrung, oder möchte man unabhängigen Forschern den Zugang zu Artefakten verwehren, die - staunenswert genug! - von mehreren chinesischen Wissenschaftlern als außerirdischen Ursprungs angesehen werden?