Von Urkaisern und Mischwesen im alten China

Hartwig Hausdorf

 

In der älteren Geschichte Chinas werden von Seiten der Historiker nur die Dynastien der Xia (etwa 2100 bis 1600 v.Chr.) und der Shang (etwa 1600 bis 1050 v.Chr.) als historisch gesichert betrachtet. Da das alte Reich der Mitte jedoch schon während dieser beiden Epochen als Hochkultur zu betrachten ist, erscheint die Annahme begründet, daß in den Zeit zuvor - also zwischen dem Ende des Neolithikums ca. 5000 v.Chr und 2100 v.Chr. - bereits eine Vorläuferkultur existierte.

Gemäß der altchinesischen Mythologie war diese Zeit vom 3. bis zum 5. vorchristlichen Jahrtausend die Ära der "legendären Urkaiser". Beginnend mit dem "Gelben Kaiser" Huang Di, sind uns auch die Namen der anderen vier Regenten überliefert: Huang Dis Sohn Shao Hao, Yan Di, Shen-nung Di sowie Xiyou Di.

Zwei überaus seltsame Eigenschaften waren diesen fünf Herren gemeinsam: Zum einen währten ihre Regierungszeiten weit länger, als es eine selbst großzügig bemessene menschliche Lebensdauer erlauben würde, nämlich mehrere hundert Jahre. Parallelen tun sich hier auf zu einem ganz anderen Kulturkreis mit einem ähnlichen Phänomen. So sind in der altbabylonischen Königsliste WB 444 zehn Ur-Könige aufgelistet, welche vor der Sintflut insgesamt 456.000 Jahre regierten. Und nach der Sintflut "stieg das Königtum abermals vom Himmel hernieder", und die nun folgenden 23 Könige regierten immerhin noch die Kleinigkeit von 24.510 Jahren.

Was uns das Stichwort zu der zweiten Besonderheit bei den legendären Urkaisern des alten China gibt. Diese wurden nicht müde zu betonen, daß sie nicht von irdischen Vorfahren abstammen - sondern von den sogenannten "Söhnen des Himmels". Jene kamen auf feurigen und metallenen Drachen zur Erde herniedergeröhrt. Und nicht aus irgendeinem religiös zu interpretierendem Himmel, sondern ihrer Aussage gemäß aus dem Weltraum.

Immerhin gestehen die Historiker jener Zeit durchaus kulturelle wie zivilisatorische Fortschritte zu: so soll die Regierungszeit des legendären "Gelben Kaisers" geprägt gewesen sein vom Beginn straffer staatlicher Organisation, aber auch von künstlerischen Fertigkeiten wie der Herstellung feiner bemalter Keramiken. Und eine Institution, die während der ganzen chinesischen Geschichte Bestand hatte, dürfte hier ihren Ursprung haben. Die Rede ist vom sogenannten Kaiserlichen Ritualamt, das die Aufgabe hatte, Berichte über ungewöhnliche Vorkommnisse im gesamten Reich zu sammeln und zu archivieren.

Während meiner nunmehr sechsten Reise durch China im Oktober 2004 setzte ich mich auch auf die Spuren jener mythischen Urkaiser nebst ihrem "kosmischen Stammbaum". Fährt man von der Stadt Qufu (das ist die Heimat des bekannten Philosophen Kung-fu-tse oder Konfuzius; 551 - 479 v.Chr.) einige Kilometer in südlicher Richtung, so gelangt man zur einzigen Steinpyramide Chinas. Auf dem letzten Stück Weges durchquert man eine Gartenlandschaft mit einem kleinen See, flankiert von zwei mächtigen steinernen Schildkröten, deren jede eine ungefähr 20 Tonnen schwere Stele aus Stein auf dem Rücken trägt. Dieser Ort wird als der "Geburtsort des Gelben Kaisers" bezeichnet (wenngleich auch noch ein anderer Ort in China dieses Attribut für sich in Anspruch zu nehmen versucht).

Da aber, den alten Überlieferungen folgend, der legendäre Huang Di nicht durch eine "normale" Geburt zur Welt kam, sondern gewissermaßen gleich "regierungsfertig" auf der Bildfläche erschien, könnte man die Stätte wohl besser als den Ort des ersten Auftauchens des sagenhaften Regenten interpretieren. Stieg hier - ähnlich wie bei den alten Babyloniern - das Kaisertum vom Himmel hernieder? Es sollte auf jeden Fall zum Nachdenken verleiten, wie sehr sich die Aussagen aus beiden Kulturen doch gleichen.

Ein paar hundert Meter weiter befindet sich, wie kurz erwähnt, die einzige steinerne Pyramide Chinas. Um die zwölf Meter hoch, ist sie mit Quadern aus Granit umkleidet. Der Aufstieg ist etwas schwierig. Man muß sich in die nur wenige Millimeter tiefen Ritzen zwischen den Blöcken stemmen, will man keinen jähen Absturz riskieren. Diese Pyramide stammt eigentlich aus einer geschichtlich jüngeren Periode als jene zahlreichen - und auch deutlich höheren - Bauwerke westlich der Provinzhauptstadt Xian. Sie stammt aus dem frühen 11. Jahrhundert und wird als die Begräbnispyramide des zweiten Urkaisers, Shao Hao, bezeichnet. Jener aber lebte im 3. oder 4. vorchristlichen Jahrtausend, und wurde zunächst in einem Grabhügel bestattet, der erst vor ungefähr 1000 Jahren zu einer Steinpyramide überbaut wurde. Oben auf der abgeflachten Pyramide steht ein kleiner Tempel mit einer Figur, welche den Urkaiser darstellt. Eingedenk der stets so explizit betonten Abstammung dieser Urkaiser von den "Himmelssöhnen" aus dem All stellt sich hier die spannende Frage: liegen unter der Pyramide bei Qufu möglicherweise die Gebeine eines direkten Abkömmlings von Außerirdischen, die auch im Reich der Mitte als Lehrmeister und Kulturbringer fungierten?

Der Philosoph Meng-tzu (auch Menzius; 372 - 289 v.Chr.) war einer der eifrigsten Nacheiferer des Konfuzius. Ihm ist unweit von Qufu ein Tempel gewidmet. Während meiner zahlreichen Reisen durch China habe ich ungezählte Tempel besucht - und irgendwie sind sie alle gleich. Da macht auch der Menzius-Tempel zu Ehren des Konfuzianers Meng-tzu keine Ausnahme. Zumindest in dessen vorderen Bereich. Doch der Tempel birgt einige Pretiosen speziell für den Paläo-SETZ-Forscher. Zur näheren Erläuterung sei mir hier ein kleiner Exkurs erlaubt, der in die Regionen des Nahen und Mittleren Ostens führt. Sumerer und Assyrer, Hethiter wie Ägypter, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen, trieben einen wahren Kult um sogenannte Mischwesen, auch Zwitter oder Chimären genannt. Was soll man sich darunter vorstellen? Künstlerische

Darstellungen, aber auch die Aufzeichnungen wohlbeleumundeter Historiker lassen uns darüber nicht im Unklaren. So schrieb Eusebius (263 - 339 n.Chr.), Bischof von Caesarea, in seinem Hauptwerk "Chronographie"

"Und es waren daselbst gewisse andere Untiere, von denen ein Teil selbsterzeugte waren, und mit lebenserzeugenden Formen ausgestattet; und sie hätten erzeugt Menschen, doppeltbeflügelte, dazu auch andere mit vier Flügeln und zwei Gesichtern und einem Leib und zwei Köpfen, Frauen und Männer, und zwei Naturen, männlichen und weiblichen, weiter noch andere Menschen, mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe; noch andere, pferdefüßige; und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschengestalt an der Vorderseite, welche der Hippokentauren Formen haben; erzeugt hätten sie auch Stiere, menschenköpfige ..."

Es ist schon starker Tobak, was Eusebius - und er steht beileibe nicht allein da - behauptet. Ist den alten Chronisten hier nur ihre blühende Phantasie durchgegangen? Spätestens seit dem Dezember 2000 sollten wir mit solchen „Erklärungen" ein wenig vorsichtiger sein. Was war geschehen? Da demonstrierten zahlreiche Aktivisten von "Greenpeace" vor dem Europäischen Patentamt in München. Sie protestierten gegen die Erteilung von Patenten auf sogenannte „Mischwesen" - künstlich mit Hilfe der Gentechnik geschaffene Organismen, welche über genetische Eigenschaften sowohl vom Menschen als auch diverser Tiere verfügen! In diesem modernen Licht betrachtet, erhalten die so zahlreichen Zeugnisse über Zwitterwesen und Chimären aus uralten Epochen eine ganz andere, erschreckende Dimension.

Zurück in das alte Reich der Mitte. Schnell hatte ich den Menzius-Tempel durcheilt, und gelangte in den hintersten Teil der Anlage, wohin sich üblicherweise kein Besucher verirrt. Dort waren zahlreiche Skulpturen und Stelen - zum Teil aus der Han-Dynastie vor zirka 2000 Jahren und älter - im Freien und unter kleinen Dächern gelagert. Diese Kunstwerke hatten es in sich: So blickte mir auf einer Stele eine seltsame Gestalt entgegen, mit einem geschuppten Reptilienleib, langem Schwanz und einem Gesicht mit sowohl menschlichen als auch katzenähnlichen Zügen. In den Händen hielt sie eine runde, sonnenähnliche Scheibe über den Kopf. Spontan fielen mir ganz ähnlich gearbeitete Darstellungen aus dem alten Ägypten ein.

Ein kleiner, in Stein gehauener "Gnom" mit einem spitzen, langen Kopf grinste mich an - hatte ich Ähnliches nicht schon in San Agustin im Hochland von Kolumbien gesehen?

Das an Fläche so unermeßlich große China hat in dieser Hinsicht noch etliche ungehobene Artefakte zu bieten; für den Paläo-SETZ-Forscher mögen sich da in Zukunft noch grandiose Möglichkeiten auftun. Eines erscheint mir aber jetzt schon gewiß: Auch die "Gelben Götter" im alten Reich der Mitte hatten ihre helle Freude an genetischen Experimenten - und deren schaurigen Resultaten, an denen sie ihren Forscherdrang austoben konnten.